Ich verkleide mich nie. Nicht an Fasching, nicht an Halloween. Ich hatte einfach nie das Bedürfnis, in ein anderes Leben zu schlüpfen. Und trotzdem hätte ich mich fast verkleidet: Eine ganze Zeit lang wollte ich mir einen KI-Avatar bauen.
Die kurze Antwort, ob sich ein KI-Avatar für dich lohnt: Für reine Informationen wie Übersetzungen oder Software-Erklärungen kann er Zeit sparen. Überall, wo Menschen dich als Person buchen, schadet er eher. Warum ich wieder davon abgekommen bin, wann ein Avatar trotzdem Sinn macht und was du zur Kennzeichnung wissen solltest, liest du hier. Die ganze Folge hörst du oben.
Was ist ein KI-Avatar?
Ein KI-Avatar ist ein digitales Abbild einer Person, das spricht und sich bewegt. Du gibst einen Text ein, und der Avatar spricht ihn mit Gesicht und Stimme. Es gibt zwei Arten:
- Fertige Figuren aus einer Auswahl beim Anbieter, die es als Menschen so nicht gibt.
- Ein Klon von dir selbst: Du nimmst ein paar Minuten Video und eine Stimmprobe auf, danach „sprichst“ du jeden Text, ohne vor der Kamera zu stehen.
Nicht verwechseln mit dem Kunden-Avatar aus dem Marketing. Das ist die Beschreibung deiner Wunschkundin oder deines Wunschkunden und hat mit KI nichts zu tun. Und ein Deepfake ist ein Video, das eine echte Person etwas sagen oder tun lässt, was sie nie gesagt oder getan hat, meist ohne ihr Einverständnis. Technisch ist der eigene Avatar damit verwandt, nur eben mit deiner Erlaubnis.
Meine Idee: ein KI-Avatar, der für mich vor der Kamera steht
Der Plan war verlockend und damals voll im Trend: einmal Video und Stimmprobe aufnehmen, und danach dreht mein Avatar meine Videolektionen, die Updates in meinen Kursen, Reels und vielleicht sogar YouTube-Videos. Jeden Tag neue Videos, damit ich dauerhaft sichtbar bin, auch an Tagen, an denen ich keine Lust auf Kamera habe. Unendlich Content ohne Licht, Kamera und Schminken.
Ich habe nicht lange darüber nachgedacht, sondern einfach ausprobiert, wie das alles geht. Und bin wieder davon abgekommen.
Warum ich keinen KI-Avatar mehr will
Drei Dinge haben mich umgestimmt.
Die Stimme. Aus meinem Videomaterial einen Avatar zu machen, war gar nicht so schwer. Aber die Stimme habe ich nie so hinbekommen, dass sie so lebendig und so schnell klingt wie ich. Am Ende musste ich die Avatar-Videos trotzdem mit meiner eigenen Stimme anreichern. Es hat sich immer künstlich angehört.
Die Rückmeldungen. Einige Kolleginnen und Kollegen haben ihre Kursvideos mit Avataren gemacht. Eigentlich könnte es egal sein, wer das Wissen in einem Tutorial erklärt, ich könnte auch Miss Piggy vor die Kamera setzen. Die Teilnehmenden fanden es aber nicht gut. Sie haben gemerkt, dass da nicht die echte Person spricht, und es blieb ein Beigeschmack: als wären sie dem Anbieter nicht wichtig genug, um selbst vor die Kamera zu gehen.
Die Zeit. Avatar erstellen, Videos erstellen, nachbessern, Stimme dazu, Stimme verbessern: Das hat genauso lange gedauert, wie mich einfach selbst vor die Kamera zu setzen. Und das macht mir im Grunde gar nichts aus. Ich drehe nicht jeden Tag, sondern nehme mir einen Tag in der Woche, an dem ich alle Videos auf einmal aufnehme. Dann bin ich voller Energie, und die restlichen Tage sitze ich wieder an meinem Rechner.
Meine feste Regel: Gesichter bleiben echt
Heute gilt bei mir: Gesichter und Personen bleiben immer echt. Keine KI-Fotos von mir, keine KI-Videos, kein Austausch von Hintergrund oder Person, keine KI-Retusche. Auf meinem Instagram-Kanal findest du noch KI-Fotos aus der Zeit, in der ich das ausprobiert habe, oft mit einem Augenzwinkern. Ausprobieren finde ich wichtig, denn eine Entscheidung fällt leichter, wenn man weiß, was sie bedeutet.
Der Grund ist Vertrauen. Menschen kaufen von Menschen, auch in Zeiten der KI. Wer mich in einem Reel sieht und dann einen Kurs oder ein Programm bei mir bucht, soll genau die Frau treffen, die er gesehen hat. Meine Kundinnen und Kunden kaufen kein glattes Video, sie kaufen meine Erfahrung. Und die sieht man mir an, mit Falten und allem. Mit 50 muss ich niemandem mehr etwas beweisen.
Die KI darf bei mir fast alles machen. Nur mein Gesicht und meine Stimme bekommt sie nicht.
Wann ein KI-Avatar im Expertenbusiness Sinn macht und wann nicht
Das ist meine Entscheidung für mein Business. Für dich kann ein Avatar trotzdem passen.
Wo ein KI-Avatar Sinn machen kann:
- Übersetzungen: Eine fertige Lektion oder ein Erklärvideo soll zusätzlich auf Englisch oder Spanisch erscheinen, ohne dass du die Sprache sprichst. Englisch würde ich mir selbst zutrauen, eine ganze Lektion auf Spanisch nicht.
- Reine Technik- und Software-Erklärungen, bei denen es um Klicks geht und nicht um dich. Etwa: So loggst du dich in den Mitgliederbereich ein.
- Kleine Updates in einem bestehenden Kurs, wenn sich nur ein Detail ändert.
- Schulungen in Firmen, bei denen niemand die Person dahinter kennen muss.
Wo ein KI-Avatar eher schadet: überall, wo Vertrauen entsteht. In Reels, Podcast-Videos, Webinaren und Verkaufsvideos, und auch bei der Begrüßung in deinem Kurs. Du darfst dich dabei versprechen. Gerade die unperfekten Videos kommen oft besser an, weil die Menschen dich als Menschen wahrnehmen.
Die Faustregel: Je mehr dich jemand als Person bucht, desto weniger passt ein Avatar. Je mehr es um reine Information geht, desto eher.
Vor- und Nachteile eines KI-Avatars
- Vorteile: kein Licht, kein Schminken, den Text im Editor ändern statt neu drehen, andere Sprachen.
- Nachteile: wirkt oft glatt (Augen, Mimik, Pausen), die Stimme klingt meist künstlich, monatliche Kosten, und Gesicht und Stimme liegen bei einem Anbieter.
Was die KI bei meinen Bildern und Videos trotzdem macht
Die gute Nachricht: Du musst dich nicht zwischen „alles selbst“ und „alles macht der Avatar“ entscheiden. Dazwischen liegt der größte Zeitgewinn.
- Schnitt: Die KI schneidet meine Kursvideos und diesen Podcast. Sie liest mit, was ich sage, nimmt Pausen und doppelte Sätze raus und gleicht die Lautstärke an. Die Videos für meinen kostenlosen Claude-Starterkurs habe ich an einem Tag gedreht und geschnitten, ohne bei jedem Versprecher neu anzusetzen.
- Clips: Aus jeder Podcastfolge sucht die KI die besten Stellen auf die Sekunde genau heraus, daraus entstehen Reels. Jeden Satz spreche ich selbst.
- Untertitel und Text im Bild, automatisch aus dem, was ich gesagt habe.
- Karussells und LinkedIn-PDFs mit echten Fotos: vom Fotografen oder vom Handy. Die KI setzt Text und Gestaltung drumherum, das Foto bleibt, wie es ist. Erlaubt ist eine leichte Farbanpassung des ganzen Bildes, so wie ein Filter. Weichzeichner und Retusche nicht.
- Vorbereitung: Skripte, Captions, Drehplan.
Die KI darf schneiden, kürzen, beschriften und vorbereiten. Was sie nicht darf: etwas zeigen, das so nie passiert ist.
Drei Fragen für deine Entscheidung
Du musst meine Regel nicht übernehmen. Aber triff deine Entscheidung bewusst, bevor dich ein Angebot oder ein Trend überrollt.
- Kaufen meine Kundinnen und Kunden mich als Person? Bei den meisten Coaches, Berater:innen und Expert:innen ja. Bei einer reinen Software-Schulung nicht.
- Würde es jemand merken und wäre dann enttäuscht? Wenn ja: lieber echt bleiben. Aufzeichnungen sind übrigens etwas anderes. Ich habe lange über automatisierte Webinare verkauft, und das war immer ich, nur eben aufgezeichnet.
- Was genau kostet mich Zeit? Meistens nicht das Sprechen, sondern Skript, Vorbereitung, Schnitt und Untertitel. Genau das kann die KI übernehmen, ohne dein Gesicht.
Muss man einen KI-Avatar kennzeichnen?
Wenn du dich für einen Avatar entscheidest, dann für klar umrissene Aufgaben, und offen gekennzeichnet. Kurz und ohne Rechtsberatung:
- Instagram und Facebook: Wer ein realistisch wirkendes KI-Video oder eine KI-Stimme postet, soll das beim Hochladen selbst angeben. Dann erscheint „KI-Info“ am Beitrag. Wer es weglässt, riskiert Einschränkungen.
- EU-KI-Gesetz (AI Act): Seit dem 2. August 2026 muss erkennbar sein, wenn ein Video eine echte Person künstlich zeigt. Das gilt auch für den Avatar-Klon von dir selbst.
- Faustregel: Wenn jemand denken könnte, das bist wirklich du, schreib dazu, dass es mit KI erstellt wurde. Setzt du dir dagegen einen Elefantenrüssel auf die Nase, glaubt niemand, dass das echt ist.
Ich finde die Regeln sinnvoll. Sonst bringen bald jede Menge Fake-Menschen irgendetwas ins Internet, und niemand steht dahinter.
Mit 50 erst recht: Echt ist ein Vorteil
Gerade wenn alle anfangen, mit glatten KI-Gesichtern zu posten, fällt ein echtes Gesicht wieder auf. Auf Instagram siehst du es schon: Es wird wieder normaler, sich selbst vor die Kamera zu stellen, ungeschminkt und nicht retuschiert. Weil man Erfahrung sieht. Und genau die suchen deine Kundinnen und Kunden. Lieber ein Video mit Versprecher als ein perfektes, dem keiner glaubt.
Deine Aufgabe für diese Woche
Nimm ein Video, das du ohnehin aufnehmen willst: ein Reel, eine Kurslektion, eine Begrüßung. Sprich es selbst und lass die KI alles drumherum machen: Skript vorbereiten, schneiden, Untertitel, Caption. Und merk dir, wie viel Zeit du sparst, ohne dein Gesicht herzugeben.
Alle Begriffe aus dieser Folge, vom KI-Avatar bis zum Deepfake, findest du ohne Fachchinesisch erklärt im kostenlosen KI-Lexikon.
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Kapitel
[00:00] Ich verkleide mich nie
[01:25] Meine Idee: ein KI-Avatar für Lektionen und Reels
[02:25] Warum ich davon abgekommen bin
[04:50] Meine Regel: Gesichter bleiben echt
[06:50] Wann ein KI-Avatar Sinn macht und wann nicht
[08:50] Vor- und Nachteile
[09:10] Was die KI bei meinen Bildern und Videos trotzdem macht
[11:30] Drei Fragen für deine Entscheidung
[12:55] Kennzeichnung: was du wissen solltest
[14:35] Echt ist ein Vorteil
[15:05] Deine Aufgabe für diese Woche
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